Katharina Sulzbach

Autorin

Leseprobe

Viertes Kapitel

Seite 32

Heike, Susanne und Claudia

Das Nizza war voll, Heike und Susanne saßen schon an einem Tisch vor der Fensterfront. Sie hatten einen atemberaubenden Blick auf den Main. Triumphierend holte Heike drei Karten aus ihrer Tasche und wedelte damit vor Susannes Gesicht herum. "Guck mal, was ich hier habe, für den Sportpresseball. War übrigens gar kein Problem! Und damit du nicht einsam leiden musst, wenn du mich begleitest, habe ich Claudia auch noch gefragt, ob sie mitkommt... Sie kann sogar. Das wird bestimmt witzig!"

"Na, ich habe es doch gleich gesagt! Lass mal sehen!"

Susanne griff in dem Moment nach den Karten, als Claudia an ihren Tisch trat und die beiden verschwörerisch grinsend ansah. Mi dem ausgestreckten Zeigefinger deutete sie auf Susannes neue Frisur, heitl dann den Daumen in die Luft und nickte anerkennend. "Hey, du siehst ja ganz anders aus, was hast du denn mit deinen Haaren gemacht?" - "Erkennt man das nicht? Ich war heute bei Giuseppe: neue Farbe und ein Pony!" Susanne drehte ihren Kopf hin und her, setzte ein gespielt arrogantes Gesicht auf und klimperte theatralisch mit den Lidern. "Also, ich finde, sie sieht süß aus", meinte Heike. "Süüüß?", wiederholte Susanne empört. "Na ja, süß nicht." Claudia runzelte die Stirn. "Aber ich glaube, Giuseppe hat wirklich das letzte aus deinen Haaren rausgeholt." - "Oh, herzlichen Dank! Wisst ihr eigentlich, wie viel Zeit ich für diese Frisur geopfert habe?", fragte Susanne, und Heike zuckte unbekümmert die Schultern. "Und was ich dafür hingeblättert habe?" - "Nein, aber ich kann es mir ungefähr denken, ist schließlich Heikes Friseur", antwortete Claudia. "600 Euro..." Susanne ließ ihre Worte erst einmal wirken. 

Claudia entfuhr ein "Hoppla!", und sie strich sich mit den Händen über ihre glänzenden, fast schwarzen Haare. Heike hingegen sagte: "Ich hoffe, du hast trotzdem nicht mit dem Trinkgeld gegeizt. Sonst kann ich mich da nie wieder blicken lassen, schließlich hast du den Termin nur durch meine Empfehlung ohne dreimonatige Wartezeit bekommen!" Susanne beeilte sich anzufügen: "Genau, und dann kam noch das Trinkgeld für Giusepe selbst dazu, der ja nur färbt, für den Haircutter, den Föhner und, nicht zu vergessen, den Mantelaufhänger und Proseccobringer. Nochmals vielen, vielen Dank, Heike. Das nächste Mal, wenn ich einen Batzen Geld ausgeben will, werde ich dich wieder fragen. Dafür bist du einfach die ideale Ansprechpartnerin."

Heike zuckte nochmals mit den Schultern und wandte sich Claudia zu, die immer noch erwartungsvoll vor ihrem Tisch stand. Mit ihrem engen Mini-Kleid von Pucci und geschnürten Lackstiefeln übertraf sie die anderen beiden an Extravaganz. Ihre Haare waren zu einem Zopf à la Lara Croft geflochten, der neckisch über der Schulter lag. Sie verstand es, sich in Szene zu setzen, obwohl sie nicht besonders groß, nicht besonders schlank und mir ihrem vorspringenden Kinn auch nicht besonders hübsch war.

...

20. Kapitel

Seite 138

Claudia

Als Claudia im Kindergarten ankam, schlug ihr der übliche Geschrei der vielen Kinder entgegen. Arthur saß wie ein Häufchen Elend auf der Bank vor dem Haken mit seinem Zeichen. Er hielt sich eine große, mit einem Geschirrtuch umwickelte Kühlkompresse an den Kopf und sah verweint aus. Claudia begutachtete seine Verletzung, eine dicke blutende Beule. Sie drückte ihren Sohn an sich und flüsterte in sein Ohr: "Mein armer Schatz, das hat bestimmt furchtbar wehgetan. Aber gleich wird es wieder besser." Sie hatte irgendwo gelesen, dass man Kindern immer sagen musste der Schmerz würde wieder vergehen, sonst könnten sie sich das nicht vorstellen. Jetzt musste sie ihn jedenfalls mitnehmen, nach Hause. Anderenfalls lief sie Gefahr, von den Erzieherinnen mit einem Rabenmutterblick bedacht zu werden. Damit war es also um den kinderfreien Vormittag geschehen... Erst jetzt kam eine der Erzieherinnen auf sie zu. An der Hand hielt sie einen anderen kleinen Jungen, der ein großes Pflaster  auf dem Arm hatte. In dem Moment ging die Tür des Kindergartens auf und Frau Winter kam mit wehendem Mantel hereingestürmt. Sofort fing der Junge laut an zu weinen. "Der Arthur hat mich gebissen", brüllte er und warf sich seiner Mutter in die Arme. Die musterte mit zusammengekniffenen Lippen erst Arthur und dann Claudia, die aus einem Reflex heraus den Arm um ihren Sohn legte und ihn fragte: " Ist das wahr, Arthur? Hast du den Leon wirklich gebissen?" Sie wusste natürlich, dass es nicht unwahrscheinlich war, so wie sie ihren Sohn kannte. Arthur schüttelte energisch den Kopf: "Nein, der Leon hat mir mit der Schaufel auf den Kopf gehauen. Der hat angefangen!"

Die Mutter von Leon löste ruckartig das Pflaster von seinem Arm, wobei der Junge noch lauter aufheulte. Tatsächlich fand sich dort ein bläulicher Abdruck der Zahnreihen eines kindlichen ober- und Unterkiefers. "Sehen Sie sich das bitte an!" Sie zog an Leons Arm, um ihn Claudia zu zeigen. "Kinder, die beißen, sind psychisch gestört! Ich finde das einfach unglaublich!" - "Wie sie sicher gehört haben, ist ihr Sohn ja auch nicht ganz unschuldig. Sehen sie sich mal diese Platzwunde an!" Claudia deutete auf Arthurs Stirn. "Aber ich finde, wir sollten versuchen, das Ganze nicht hochzuspielen..." Für diesen Satz musste sich Claudia zusammennehmen, aber sie hatte keine Lust, sich auf das Niveau dieser mütterlichen Hyäne zu begeben. "Komm Arthur, hast du dich schon bei Leon entschuldigt?" Arthur sah auf den Boden und zuckte mit den Schultern. Jetzt schaltete sich die Erzieherin ein, die die ganze Zeit über mit einer Tasse Kaffee in der Hand dabei gestanden hatte. "Die beiden haben sich natürlich entschuldigt, das müssen sie hier immer, wenn es zu Rangeleien gekommen ist."

"Ich glaube, wer gebissen wurde, muss sich nicht auch noch entschuldigen - soweit kommt es noch!" Das war der Kommentar von Leons Mutter. "Und jetzt entschuldigen Sie mich, denn ich muss Leons Wunde ärztlich versorgen lassen. Menschenbisse sind die infektiösesten überhaupt!" Was für eine Wunde, fragte sich Claudia, da hatte sich Leons Mutter auch schon umgedreht, ihren Sohn am verletzten Arm gepackt und zur Tür hinaus gezogen.

Zu gerne wäre sie ihrem ersten Impuls gefolgt, sich über das Verhalten von Frau Winter bei der Erzieherin auszulassen. Aber etwas hielt sie zurück: Sie erinnterte sich an die unangenehme Erfahrung, dass ihre Kommentare unweigerlich bei allen anderen Erzieherinnen, den Eltern und sogar den Kindern herumgetratscht wurden. Ohnedies würde der heutige Vorfall zum beliebtesten Gesprächsthema der nächsten Tage werden. Claudia nahm sich vor, in aller Ruhe zu überlegen, wie sie Frau Winter demnächst eins auswischen konnte...